Leibniz-Forschungsverbund
Krisen einer globalisierten Welt

© 

Eine kritische Beleuchtung von Krisendiskursen und deren Konstruktion – Interview mit der Wissens- und Entwicklungssoziologin Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge

LFV-Krisen: Mit welcher Art von Krisen beschäftigen Sie sich?

Hornidge: Momentan beschäftige ich mich zum einen mit ökologischen Krisen, die stets sozial konstruiert sind und soziale Auswirkungen haben, und zum anderen mit sozialen Krisen, wie beispielsweise armutsbedingter Migration. Im ökologischen Kontext befasse ich mich mit Krisendiskursen zu Meeresspiegelanstieg, oder auch Überfischung. Es handelt sich hierbei um Vorhersagen und Zustandsbeschreibungen mit Krisencharakter. Im Kontext von Meeresspiegelanstieg sagt das diskutierte Phänomen lediglich eine potentielle Krisensituation vorher, anstatt schon heute eine Krisensituation darzustellen.

Neben Diskursen zu Meeresspiegelanstieg beschäftige ich mich auch mit den zunehmenden Konkurrenzen zwischen Industrie- und Kleinfischerei. In Westafrika beispielsweise beobachten wir einen für Natur und Mensch zerstörerischen Konkurrenzkampf um die Ressource Fisch aus dem Meer. Das Zusammenspiel von sozialen, politischen und ökologischen Krisen ist hier besonders gut zu beobachten.

Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge in Mauretanien 2018 (©Henryk Alff, ZMT)

LFV-Krisen: Sie sprechen im Zusammenhang mit dem Meeresspiegelanstieg von einer „Vorhersage mit Krisencharakter“ und scheinen den Krisenbegriff recht zögerlich zu verwenden:
Wie halten Sie es mit dem Krisenbegriff?

Hornidge: Ich zögere, Kontexte, über die wir von außen sprechen, als Krisensituationen darzustellen, da es von außen sehr leicht fällt, zahlreiche der Kontexte, in denen ich tätig bin, als defizitär und damit krisennah zu bezeichnen. Diese normativ bewertende Sichtweise ist jedoch insofern problematisch, da es mich in meiner analytischen Fähigkeit von Anfang an beschränkt. Wenn ich mich als Entwicklungsforscherin stets in die Perspektive begebe, dass der Kontext, den ich untersuche, defizitär ist, dann sehe ich die Vielfalt, die Komplexität, inklusive ihrer Potentiale nicht mehr. Ich sehe nicht mehr den Reichtum an lokalen Strategien, um beispielsweise mit einer krisenhaften Situation umzugehen, sondern ich sehe lediglich die Krise selbst.   Als Wissenschaftlerin habe ich aber ja zum Ziel, etwas genauer hinzusehen und genau diese häufig auch widersprüchlichen Vielfalten zu sehen. Im Rahmen von Post-Development, Post-Area und Post-Colonial Studies Diskussionen haben wir uns intensiv damit beschäftigt, soziale Situationen nicht essentialisierend zu homogenisieren. Dies ist jedoch die Gefahr, wenn wir zu sehr mit ‚Krise‘ als analytischer Linse ins Feld gehen. Der Krisenbegriff ist ein analytisches Werkzeug, das sicherlich in vielen Situationen auch seien Berechtigung hat. Es ist aber auch ein, empirische Kontexte beschreibendes Label, und zwar ein defizitäres. Die Situation in unseren Forschungskontexten mag defizitär sein und als Wissenschaftler haben wir die Aufgabe, auf Notstände hinzuweisen. Jedoch frage ich mich wie sehr ich mich selbst erblinde, wenn ich die Kontexte von vornherein als defizitär benenne.

Daher verwenden wir in unseren Projekten zumeist konzeptionelle Zugänge, welche die Thematiken zunächst normativ offen betrachten, nicht den Krisenbegriff fassen, sondern als Globaldiskurse verstehen. Dieser konzeptionelle Zugang lässt sich am Thema des Meeresspiegelanstieges veranschaulichen. In Bezug auf diesen Diskurs hatten wir lange Zeit eine sehr aktive sowie global präsente Klimawissenschaft, die sich stark mit der Thematik auseinandergesetzt und eher apolitische Szenarien sowie heuristische Werkzeuge entwickelt hat, um Entscheidungsträger zu informieren. Diese Szenarien wurden weltweit von vielen politischen Vertretern aufgegriffen und in die politischen Systeme hineingetragen. Heute können wir beobachten, dass man sich auf politischer Ebene mit dem Meeresspiegelanstieg als eine potentielle zukünftige Krise auseinandersetzt. Dabei hat der Krisenbegriff in den geführten Debatten eine gewisse Temporalität inne. Man unterstellt einer Krise, dass sie zeitlich bedingt sei, obwohl dies nicht immer der Fall ist. Dabei stellt sich die Frage nach dem ‚Tipping Point‘, also wann diese Temporalität einsetzt und man nicht mehr von massiven sozialen Ungleichgewichten und Wandlungsprozessen spricht, sondern von einer Krise. Mir scheint die Entscheidung in dieser Frage medial konstruiert zu sein. An einem Punkt scheint die Thematik zu kippen, so dass aus einem globalen Diskurs, der einen Notstand aufweist, ein Krisendiskurs entsteht.

LFV-Krisen: Sie haben gerade von einem „Tipping Point“ gesprochen, an dem ein globaler Diskurs zu einer Krise mutiert. Was macht einen globalen Diskurs im Umweltbereich zur Krise? Ist es die Wahrnehmung eines Ereignisses als Krise oder sind es objektive Faktoren, die globale Diskurse zu Krisen werden lassen?

Hornidge: Wahrnehmung und Ereignis selbst sind interdependent miteinander verbunden. Die meisten Phänomene, mit denen wir uns empirische beschäftigen, können als „Creeping disasters“, als langhinziehende Notstände oder Krisensituationen bezeichnet werden, die jedoch nicht als Krisen wahrgenommen werden, da sie sehr lange währen und langsam voranschreiten. Ein Beispiel hierfür ist der massive Raubbau im Fischereikontext in Westafrika. Aufgrund der dort stattfindenden Entwicklungen kam es in den letzten 30 Jahren zu einer massiven Verarmung in der Kleinfischerei, welche ein Sektor ist, in dem viele Menschen Arbeit finden, die keine formelle Bildung erfahren haben. Folglich liegt eine klassische Krisensituation vor, die Sie als objektive Faktoren bezeichnet haben. Ökologisch nachzuweisen ist, dass sowohl die Fischproduktion als auch die Artenvielfalt und die Größe der Fische zurückgegangen ist. Folglich sprechen viele Anzeichen dafür, dass es sich bei diesem Kontext um eine ökologische Krise handelt, die jedoch auch soziale Faktoren beinhaltet. Beim betriebenen Raubbau handelt es sich sozial gesehen um keine nachhaltigen Produktionssysteme, in denen sich Menschen Zukunftsoptionen erarbeiten können. Das bringt das gesamte soziale System selbst in einen Krisenzustand und macht aus dem Zusammenspiel von ökologischen und sozialen Faktoren eine sozioökonomische Krise.

Trotz dieser Ausgangslage wird die Thematik international nicht als Krise wahr- und ernstgenommen, sondern nur als Notstand, der anzugehen ist. Dies steht sicher im Zusammenhang mit dem vorherrschenden wirtschaftlichen System der linearen Wachstumsorientierung, welches eine Diskussion der Krise verhindert. Denn eigentlich wäre der Moment schon erreicht, in dem es in der internationalen Wahrnehmung und auch der medialen Aufarbeitung dazu kommen müsste, dass die Thematik als Krise aufgegriffen, inszeniert und wahrgenommen werden sollte. Denn praktisch gesehen, handelt es sich um eine Krise.

LFV-Krisen: Frau Prof. Deitelhoff hat in einer der letzten Ausgaben der Crisis Interviews Krise als subjektive Wertung definiert: Krise sei immer dann, „wenn jemand sagt und viele glauben, dass Krise ist“. Sie wiederum betonen insbesondere die Objektivität von Krisensituationen sowie die mit dem Begriff verbundene Temporalität, die sich meist mit der Natur von Umweltkrisen als „creeping disasters“ schneidet. Wie wirkt sich das auf die Verwendung des Krisenbegriffes in Ihrer Forschung aus?

Hornidge: Eine Situation wird sicherlich eher als Krise wahrgenommen, wenn sie schnelllebig ist und der Kipppunkt von vielen wahrgenommen wird. Darin unterscheiden sich Krisen im politischen Kontext stark von Situationen im Umweltbereich. In meinem Arbeitsbereich gibt es, abgesehen von plötzlichen Umweltereignissen wie Erdbeben oder Hungersnöte, die durchaus medial als Krisenmomente wahrgenommen werden, weniger plötzliche Krisenszenarien. Den Phänomenen in diesem Bereich fehlt die Schnelllebigkeit, die politische Krisen meist in sich tragen. Klimawandel, Armut und soziale Ungleichheit sowie Meeresspiegelanstieg sind klassische Beispiele für lang andauernde „Creeping Disasters“, dessen Folgen man erst bemerkt, wenn es im Grunde zu spät ist, um zu handeln.

LFV-Krisen: Worin sehen Sie weitere Unterschiede?

Hornidge: Nicht nur die gerade angesprochene Schnelllebigkeit macht einen Unterschied, sondern von einem wissenssoziologischen Standpunkt gesehen auch die Sichtbarkeit und Kommunikationsmacht. Die diskursive und mediale Aufbereitung von Krisen im politischen Kontext wird nicht nur von vielen Menschen wahrgenommen; die Personen, welche die Krisen aufarbeiten, stehen auch in mächtigen Positionen und können global viel Aufmerksamkeit mit der Aufbereitung von politischen Krisen erlangen. Im Umweltbereich arbeiten wir oft in Kontexten, die generell von einer viel geringeren medialen Aufarbeitung geprägt sind. Unter anderem arbeiten wir in den Tropen. Einige unserer Partnerländer verfügen sehr viel weniger über die wissenschaftliche und journalistische Infrastruktur, um Kontexte entsprechend aufzuarbeiten und global sichtbar auszuwerten.

LFV-Krisen: Sie befassen sich nicht nur mit Umweltkrisen, sondern auch mit der Konstruktion von Wissen und Wirklichkeit. Verbinden wir diese Bereiche für einen Moment: Wie werden Krisen konstruiert und wie beeinflussen diese Konstruktionen unsere Wahrnehmung von Umweltrisiken und Problematiken?

Hornidge: Krisendiskurse sind Konstruktionsprozesse – das kann man gut am Beispiel des Meeresspiegelanstieges sehen, welcher momentan global in der internationale Klimapolitik sowie Wissenschaft als zu erwartende Krise gehandelt wird. Diese Wahrnehmung steht in einem engen Zusammenhang mit den Arbeiten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Das IPCC hat ein heuristisches Werkzeug entwickelt, welches ausgehend von einer Erderwärmung von zwei Grad Celsius errechnete, dass mit einem Meeresspiegelanstieg von 26 bis 55 Zentimetern an etwa 70% der weltweiten Küsten ausgegangen werden müsse. Das Instrument hatte zur Aufgabe, politische Entscheidungsträger wissenschaftlich zu beraten. In dem Moment, als die internationale Klimapolitik das Instrument aufgriff, wurde das vom IPCC entwickelte Instrument zu einer Vorhersage, da das Zwei-Grad-Ziel zu einem noch erreichbar scheinenden politischen Ziel ernannt wurde. An diesem Beispiel, das die Kollegen Silke Beck und Martin Mahony aufgearbeitet haben,  kann man sehen, wie ein sozialer Konstruktionsprozess stattfindet und wie bestimmte Institutionen, in diesem Fall die internationale Klimawissenschaft, dazu beigetragen hat, einen Wissensstand so greifbar zu gestalten, dass er von Politikern weltweit aufgegriffen und genutzt werden konnte, um politische Entscheidungen zu untermauern. Gleichzeitig stellt dieser Transfer von Wissenschaft zu Politik ein entscheidendes Puzzlestück in der Konstruktion des Meeresspiegelanstieges als künftig zu erwartende Krise dar.

Viele der Situationen, in denen wir arbeiten, zeigen einen massiven Notstand auf und könnten normativ bewertend im internationalen Kontext als Krise definiert werden. Die entscheidende Frage dabei ist, weshalb manche Themen als Krisen aufgegriffen werden und andere nicht. Hier könnte der von Frau Deitelhoff aufgeworfene Aspekt der Subjektivität von Krisen einen Ansatz bieten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge (© Jan Meier, ZMT)

LFV-Krisen: Wie bewerten Sie es, dass Umweltthemen wie der Meeresspiegelanstieg von der Politik aufgegriffen und zu Krisen hochstilisiert werden?

Hornidge: Sobald eine Thematik als Krise konstruiert oder global gehandelt wird, kann dies natürlich positive Auswirkungen haben und dazu führen, dass plötzlich viel in Thematiken wie zum Beispiel den Meeresspiegelanstieg oder Küstenschutz investiert wird. Jedoch kann die Konstruktion von Krisen auch dazu führen, dass unter dem Label der inszenierten Krise der Zukunft auch andere Komponenten untergebracht und legitimiert werden, am Beispiel des Meeresspiegelanstieges unter anderem Umsiedlungsmaßnahmen von informellen Siedlungen entlang der Küste in Indonesien oder auf den Philippinen. Bei diesen Maßnahmen handelt es sich ganz klar um elitäre Immobilienprojekte im Interesse einer kleinen Oberschicht. Das zeigt auf, dass offensichtlich viel mehr unter dem Legitimationsnarrativ des Meeresspiegelanstieges untergebracht wird.

Insofern sollte man sich gut überlegen, wann man von einer Krise spricht und wann nicht. Denn sobald man eine Thematik als Krise in den Vordergrund rückt, entfaltet der Begriff seine Wirkung, was positive Auswirkungen haben, jedoch auch missbraucht werden kann.

LFV-Krisen: In Ihrem Forschungsprojekt „Fiction meets Science“ beschäftigen Sie sich mit dem Einfluss fiktionaler Literatur auf die Krisenwahrnehmung und den Entscheidungsfindungsprozess auf der politischen Ebene. Was sind ihre bisherigen Erkenntnisse?

Hornidge: Die Frage, welches Verhältnis zwischen Fiktion und Non-Fiktion in der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik vorliegt, ist hochaktuell. Im Rahmen unseres Projektes beschäftigen wir uns mit der Aufbereitung der Thematik des Meeresspiegelanstieges in Singapur. Dabei untersuchen wir zunächst die fiktionale Aufbereitung der Thematik und die verwendeten Narrative, die womöglich emotionaler und personalisierter gestaltet sind als wissenschaftsjournalistische Aufbereitungen. Uns interessiert, inwieweit diese fiktionale Aufbereitung Entscheidungsträger berührt und dazu führt, sich dem Thema verstärkt zuzuwenden. Werden aus der fiktionalen Literatur gespeiste Narrative aufgegriffen und im politischen Kontext verwendet?

Unser Projekt steht noch am Anfang, jedoch lässt sich bereits feststellen, dass die fiktionale Aufbereitung des Meeresspiegelanstieges massiv zur gesteigerten Aufmerksamkeit des Themas beiträgt, da dadurch ganz andere Bevölkerungsgruppen erreicht werden als durch wissenschaftsjournalistische Aufbereitungen. Die Herausforderung bei diesem Forschungsprojekt besteht darin, zu untersuchen inwieweit die fiktiven Narrative Einzug in den politischen Kontext gefunden haben und wie sich dies nachweisen lässt. Dies können wir nur, wenn Überlappungen im Argumentationsstil und gesamten Narrativaufbau vorhanden sind. Das ist in einem kleinen System wie Singapur leichter zu untersuchen als in einem großen Flächenstaat.

LFV-Krisen: Im Projekt „Fiction meets Science“ sowie dem Kompetenz-Netzwerk „Crossroads Asia“ haben Sie sich mit der Wahrnehmung von und Herangehensweise an Krisen in verschiedenen kulturellen Kontexten auseinandergesetzt. Entdecken Sie Unterschiede?

Hornidge: Bei der Auseinandersetzung mit Krisen scheint es eine wichtige Rolle zu spielen, wie autoritär und vertikal hierarchisch ein Wissenssystem strukturiert ist. In Usbekistan, wo ich eine lange Zeit gearbeitet habe, herrscht ein stark vertikal strukturiertes Wissenssystem mit einem hohen Grad an Selbstzensur vor, insbesondere im Kontext von Wassermanagement. Wasser ist in diesem Bereich eine strategische Ressource von staatlichem Interesse. Unter einem Staatsplan werden Baumwolle und Weizen in der komplett auf Bewässerung angewiesenen Landwirtschaft Usbekistans produziert. Die Landwirte sind keine eigenständigen, ihre Produktionsstätte selbstentscheidend führenden Landwirte, sondern vielmehr für den Staat produzierende Landarbeiter. Sie bekommen Saatgut sowie Düngemittel gestellt und bewirtschaften ihre Felder anhand eines Zeit- und Bewirtschaftungsplans, der vom Staat vorgegeben wird. Die Ernte liefern die Bauern zu festgesetzten Preisen an den Staat ab. Die Gewinne werden abzüglich der Kosten für Saatgut und weitere Inputs abgezogen und auf ein Konto eingezahlt, auf welches die Landwirte selbst aber keinen Zugriff haben. Das hat zur Folge, dass sich die Landwirte Einkommen auf anderen Wegen erwirtschaften müssen. Viele von ihnen produzieren neben den Ressourcen für den Staat privat auch Reis, den sie auf dem freien Markt verkaufen. Dies führt jedoch zur direkten Konkurrenz von Reis- versus Baumwoll- und Weizenproduktion in Bezug auf die Input Ressource Wasser. Auf der einen Seite ist es im Interesse der Landwirte Reis für die eigene Einkommenserwritschaftung zu produzieren. Auf der anderen Seite ist dem Landwirt auch bewusst, dass er in einem autoritären System lebt und die Baumwollproduktion am Laufen halten und Abgaben leisten muss. Zu dieser Thematik habe ich, gemeinsam mit meinem Team, Landwirte in Usbekistan aufgesucht und Interviews mit ihnen geführt. Es gab Situationen, in denen wir zwischen Reis- und Baumwollfeld standen; das Reisfeld bewässert war und das Baumwollfeld noch nicht. Dennoch versicherten die Landwirte, dass sie die Baumwollfelder immer zuerst bewässern. Die vorliegende Krise wird folglich diskursiv kompensiert. Es wird diskursiv darüber hinweggeschaut, dass das Phänomen in der Praxis ganz anders gehandhabt wird. Diese Strategie zieht sich durch alle Bereiche hindurch und spricht dafür, dass ein Wissenssystem vorherrscht, welches stark mit Selbstzensur arbeitet. Ein System, in dem sich die Menschen selbst nicht erlauben, sich kritisch zu äußern. In solch einem System wird eine massiv defizitäre Situation lokal nicht als Krise dargestellt oder kommuniziert, sondern ganz im Gegenteil ständig diskursiv gedeckt und somit aber auch die Behebung des Notstandes nicht eingeleitet.

LFV-Krisen: Wie würden Sie die Situation in Singapur beschreiben?

Die Situation in Singapur unterscheidet sich stark von der Lage in Usbekistan. Es ist ein ganz anderer Kontext natürlich. Der asiatische Inselstaat lässt sich als autoritäres System in Form einer Ein-Parteien-Demokratie beschreiben. Anfang der 2000er begann die Regierung Singapurs, Räume in Bibliotheken einzuführen, in denen kritisches Denken angeregt wurde. Man kann also einen Raum anmieten, in dem man kritische Diskussionen führen kann, ohne juristische Folgen fürchten zu müssen. Die Intention des Staates lässt sich so verstehen, dass dieser von der durch das kritische Denken geförderten Kreativitätsentwicklung profitieren möchte, gleichzeitig jedoch die Kontexte, in denen sich kritisch geäußert werden darf, selbst vorgeben möchte. Kontrolle ist somit weiterhin möglich. Dabei handelt es sich um eine andere Form des Autoritarismus, als der der ich in Usbekistan begegnet bin. Das Wissenssystem in Singapur ist durchaus vertikal strukturiert, jedoch scheint es bei den Wissenschaftlern Singapurs zum Teil en vogue zu sein, von Krisen zu sprechen – insbesondere auch von Singapur selbst produzierten Krisen wie das Sand-mining in Südostasien oder den Umgang mit Homosexualität. Folglich handelt es sich in Singapur um keine Form der Selbstzensur im Sinne des Staates – so wie in Usbekistan – sondern auf ein Einlassen auf und ein Mitbetreiben der Staatsagenda. Dazu gehört auch das kritische Denken und das Hinweisen auf vermeintliche Krisen oder Formen der autokratischen Regierungshandelns.

LFV-Krisen: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Thomas Siurkus

 

Zur Person: Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge ist Professorin für Sozialwissenschaften in den marinen Tropen an der Universität Bremen und Leiterin der Abteilung Sozialwissenschaften des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT).