Leibniz-Forschungsverbund
Krisen einer globalisierten Welt

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„Krise ist immer dann, wenn jemand sagt und ihm viele glauben, dass Krise ist.“ – Interview mit der Politikwissenschaftlerin und Sprecherin des LFV „Krisen einer globalisierten Welt“ Prof. Dr. Nicole Deitelhoff

LFV-Krisen: Mit welcher Art von Krisen beschäftigen Sie sich?

Deitelhoff: In meiner Arbeit geht es vor allem um politische Krisen, insbesondere um Krisen politischer Institutionen. Da kann es um komplette Institutionengefüge gehen, wie zum Beispiel die Krise der repräsentativen Demokratie oder aber um ganz bestimmte Institutionen, wie die Vereinten Nationen oder die EU. Die Krise der EU ist zurzeit in aller Munde und wenn ich auf dieses Phänomen blicke, dann interessiere ich mich vor allem für die Funktionsweise dieser Institution. In Bezug auf die EU muss man leider feststellen, dass durch die Weltwirtschafts- und Finanzkrise in den 2000ern und die darauffolgende Flüchtlingskrise der letzten Jahre die Handlungsfähigkeit der Union enorm abgenommen hat. Es gelingt ihr immer weniger, verbindliche Entscheidungen zu treffen, die tatsächlich für alle Mitglieder Geltung erlangen. Das ist eine Krise, die auch mich sehr beschäftigt.

LFV-Krisen: Wie verwenden Sie den Krisenbegriff?

Deitelhoff: Wenn ich über Krise spreche, – und dabei kommt es auf den Kontext der Arbeit an – dann geht es mir im Grunde genommen darum, dass bestimmte Institutionen oder Bearbeitungsmechanismen nicht in der Lage sind bestimmter Phänomene oder Aufgaben Herr zu werden. Es treten also in einem zeitlich überschaubaren Rahmen Dysfunktionalitäten auf. Institutionen, die ein bestimmtes Mandat haben, gelingt es nicht mehr, dieses Mandat zu erfüllen. Das ist eine Art von Krise.

Von einer krisenhaften Zuspitzung kann man sprechen, wenn Entwicklungen in politischen Zusammenhängen, wie etwa Flucht, außerhalb der normalen Parameter liegen. Wenn zum Beispiel mit 20 000 Flüchtlingen pro Jahr gerechnet wird, und die Zahl der ankommenden Flüchtlinge plötzlich anschwillt, auf über 200 000 oder sogar 2 000 000, dann kann man dies als eine krisenhafte Zuspitzung sehen. Das Phänomen bewegt sich außerhalb der normalen Parameter und überfordert die zuständigen politischen Institutionen zuerst. Diese müssen sich daraufhin auf diese neuen Dimensionen sehr schnell ein- und umstellen.

LFV-Krisen: Das klingt nach einer negativen Konnotation des Krisenbegriffes. Sehen Sie im dem Begriff auch eine Ambivalenz?

Deitelhoff: Es gibt unzählige Variationen des Ausspruches: „In der Krise liegt auch immer die Chance – die Chance zur Veränderung, zur Innovation“. Natürlich interessiert mich auch wie Krisen verarbeitet werden, wie Institutionen auf Krisen reagieren und ob sie eine Erneuerung ihrer Arbeitsweise, Routinen oder auch ihrer Mandate zur Folge haben. Selbstverständlich schaue ich auch auf diese potentielle positive Wirkung von Krisen. Jedoch ist diese Wirkung nicht das Erste, was mein Augenmerk zunächst erreicht. Ich glaube da geht es mir, wie wahrscheinlich der großen Mehrheit: Wenn man über Krisen spricht, dann meint man in erster Linie etwas Negatives.

Ein weiterer Aspekt der Ambivalenz des Krisenbegriffes ist, dass er viele Aspekte zusammenfasst. Zum einen beschreibt er das Gefühl eines drängenden Problems, das Gefühl von Zeitdruck und der Notwendigkeit jetzt eine Lösung für ein Problem zu finden, welches unterschiedlicher Natur sein kann. Der Krisenbegriff ist sehr breit und in gewisser Weise auch schillernd, da er es schafft diese Vagheit zu erlauben. Das hat seine Vor- und Nachteile. Wenn wir den Krisenbegriff vermeiden wollen, dann fangen wir an Problemtypen und Problembearbeitungshorizonte zu benennen. Da rutscht man schnell in eine sehr administrative und technische Sprache. Dann ist die Rede von Funktionsproblemen, Legitimationsproblemen oder Performanceproblemen. All das sind Alternativen zum Krisenbegriff, aber sie fassen das, was wir beobachten, sehr viel technischer auf und erschweren es zumindest dem Laien, zu erkennen, worüber wir eigentlich reden und ob eine gewisse Dringlichkeit besteht. Der Krisenbegriff lässt genau diese Dringlichkeit aufleuchten.

Auf der anderen Seite führt dieser Effekt dazu, dass wir, wenn wir uns nicht allzu viele Gedanken darum machen wollen wo die Probleme im Einzelnen liegen, sehr schnell zum Krisenbegriff greifen und dadurch wie die Cassandra selbst erscheinen, die überall Krise ruft, obwohl das Problem vielleicht gar nicht so sehr drängt. Das hat mit Aufmerksamkeit zu tun. Wenn man ein Problem als Krise beschreibt und in den öffentlichen Diskurs hineinträgt, dann versucht man Aufmerksamkeit zu ziehen, die man sonst vielleicht nicht bekommen würde. Je öfter man das tut, desto mehr nutzt sich ein solcher Begriff ab und wenn es nur noch Krisen gibt, dann wird auch keiner mehr aufmerken, wenn man die nächste Krise ausruft. Aufgrund dessen ist es sehr ambivalent, wenn man auf der einen Seite gerne zum Krisenbegriff greift - was auch ich tue - und auf der anderen Seite die Gefahr besteht, dass man die Krise, die man eigentlich beschreiben will, durch die inflationäre Verwendung des Begriffes entwertet.

LFV-Krisen: Krise und Wahrnehmung gehören also für Sie zusammen. Daran anschließend, gibt es Ihrer Meinung nach Krisen, die zu wenig Aufmerksamkeit bekommen und in Ihrer Wahrnehmung unterschätzt werden?

Deitelhoff: Krise ist immer dann, wenn jemand sagt und ihm viele glauben, dass Krise ist. Wir haben kein objektives Indikatorenbündel, dass uns bewerten lässt, ob eine Krise tatsächlich besteht oder nicht. Deshalb ist es sehr schwierig über Krisen zu sprechen, die nicht genügend Beachtung finden. Denn wenn sie Krisen wären, hätten sie Beachtung.

LFV-Krisen: Welche Merkmale zeichnen die Krisen einer globalisierten Welt aus?

Deitelhoff: Eines der Merkmale der Krisen einer globalisierten Welt liegt in deren Interdependenz. Wir haben es nicht mehr mit einzelnen großen Krisenphänomenen zu tun, deren Auswirkungen wir studieren können. Vielmehr sehen wir, dass Krisen sich in bestimmten Teilsystemen, wie zum Beispiel der Wirtschaftswelt, auf benachbarte Teilsysteme, wie die Umwelt oder politische Institutionen, durchschlagen.

Außerdem beobachten wir viel seltener nationale Krisen, die auch wirklich im Nationalstaat gehalten werden können. Viel häufiger sehen wir, dass die Krise in einem Nationalstaat direkt übergreift auf andere Nationalstaaten. Dies war zum Beispiel bei der Weltwirtschafts- und Finanzkrise der Fall. Sie begann als eine Schuldenkrise in den USA und griff innerhalb kürzester Zeit auf die gesamte Weltwirtschaft über und anschließend auch auf die politischen Institutionen der Weltordnung. Dieses Beispiel ist sehr kennzeichnend für die globalisierte Welt. Die Möglichkeit Krisen einzudämmen, indem man sie an einem Ort behandelnd bearbeitet, ist kaum mehr gegeben.

LFV-Krisen: Auf welche Herausforderungen stoßen Sie bei der Erforschung von Krisen?

Deitelhoff: Die erste Herausforderung besteht darin eine Krise objektiv definieren zu können. Was ich als Krise empfinde oder wahrnehmen, muss nicht unbedingt für meine Mitmenschen genauso sein. Wie schaffe ich es für den Krisenbegriff, der stark von der Bezugsgröße des Adressaten abhängt, Indikatoren zu entwickeln, die unabhängig von dieser Bezugsgröße erlauben, festzustellen, ob eine Krise vorliegt oder nicht? Die zweite Herausforderung besteht darin eine solche Krise zu begrenzen und klarzustellen von welcher Krise überhaupt die Rede ist.

LFV-Krisen: In wieweit hat sich Ihr Verständnis vom Krisenbegriff in den Jahren gewandelt?

Deitelhoff: Ich habe mich in den letzten Jahren, insbesondere in der Lehre, viel mit Krisenmanagement beschäftigt. Da ging es mir vor allem darum, wie konkrete Institutionen auf politische Krisen reagieren. Das ist für mich im Nachhinein betrachtet ein sehr begrenztes Krisenverständnis gewesen. Heute interessiere ich mich viel mehr dafür, wie Institutionen eigentlich selbst von Krisen betroffen sind, wie Krisen ihre Funktionsfähigkeit beeinflussen oder beeinträchtigen und wie Institutionen darauf reagieren.

LFV-Krisen: Das Leibniz-Prinzip „theoria cum praxi“ zielt auf Wissenstransfer und eine forschungsnahe Politikberatung – wie lassen sich Ihre Forschungsergebnisse in die Politik und Praxis übertragen?

Deitelhoff: Bei Theoria cum praxi geht es um exzellente Grundlagenforschung und die Übermittlung in die Praxis. Vieles von dem was wir im Bereich der Krisenforschung erarbeiten, bringen wir direkt zu politischen Entscheidungsträgern. Dies versuchen wir zum Beispiel über eigene Veranstaltungen, wie den Crisis-Talk, der regelmäßig in Brüssel in Kooperation mit dem Exzellenzcluster Normative Ordnungen in Frankfurt und der Hessischen Landesvertretung bei der EU in Brüssel stattfindet. Außerdem führen wir Hintergrundgespräche mit politischen Entscheidungsträgern, wie zum Beispiel der Europäischen Kommission zu konkreten Themen wie der Krise des Multilateralismus.

Des Weiteren versuchen wir Im Bereich von Ernährungskrisen und Luftsauberkeit neue Standards zu konzipieren. Zum Beispiel entwickeln wir neue Software, die es politischen Entscheidern erlaubt, zu erkennen, wo Probleme auftauchen könnten und wie man sie bearbeiten kann. Wir versuchen wirklich auf vielfältige Weise unsere Grundlagenforschung in die Praxis umzusetzen. Das ist für uns und den Forschungsverbund im speziellen ein ganz wichtiges Ziel.

LFV-Krisen: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Thomas Siurkus

 

Zur Person: Prof. Dr. Nicole Deitelhoff ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Leibniz Institut Hessische Stiftung Friedens- & Konfliktforschung und Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Des Weiteren ist Sie Sprecherin des Leibniz-Forschungsverbundes „Krisen einer globalisierten Welt“.