Leibniz Research Alliance
Crises in a Globalised World

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„Der Krisenbegriff erfüllt eine wesentliche Rolle in Gesellschaften, die glauben, dass die Art und Weise wie sie eingerichtet und verfasst sind, von ihrer eigenen Aktivität abhängt.“ Interview mit dem Historiker Dr. Rüdiger Graf

LFV-Krisen: Im Rahmen des Leibniz Forschungsverbundes „Krisen einer globalisierten Welt“ beschäftigen Sie sich mit der Semantik des Krisenbegriffs im 20. Jahrhundert. Welcher Frage gehen Sie in diesem Projekt nach?

Graf: Im Rahmen des Projektes gehe ich der Frage nach, wie sich der Krisenbegriff im Verlauf des 20. Jahrhunderts verändert hat. Gab es semantische Verschiebungen oder verwenden wir den Begriff in unserer heutigen Zeit genau so, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwandt worden ist.

LFV-Krisen: Bei Ihren Recherchen sind zwei Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts hervorgestochen: Die 1920er und 1970er, in denen der Krisenbegriff sehr häufig verwendet wurde. Was hatte es in den 1920ern mit der Verwendungshäufung auf sich und was zeichnete das Krisenverständnis dieser Zeit aus?

Graf: Wenn man sich mit den 1920er Jahren beschäftigt, stellt man fest, dass die Verwendung des Krisenbegriffs in der politischen Sprache und Publizistik zugenommen hat, was sich in einer Explosion von Publikationen zur Krise oder – wie es zeitgenössisch noch oft hieß – Krisis ausdrückte. Außerdem weitete sich die Verwendung des Krisenbegriffes auf neue Bereiche aus. Fand man zu Beginn der 1920er Jahre im deutschen Bücherverzeichnis nur Schriften zur Krise und zur Wirtschaftskrise, so waren Anfang der 1930er Jahre Schriften in vielen neuen Bereichen - wie zum Beispiel der Finanzkrise und der kulturellen Krise - hinzugekommen.

Bei der Beschäftigung mit diesem Zeitabschnitt fällt außerdem auf, dass es eine Diskrepanz zwischen der zeitgenössischen Wahrnehmung der Krise und der nachträglichen Interpretation des Krisenparadigmas gibt. Lange Zeit hat man die Weimarer Republik als krisenhafte Epoche der deutschen Geschichte interpretiert, die auf die Katastrophe des Nationalsozialismus hinsteuerte. Der Krisendiskurs in der Weimarer Republik wurde stark pessimistisch gelesen. Wenn man sich jedoch anschaut, auf welche Weise Zeitgenossen den Krisenbegriff verwendet haben, so ist zu beobachten, dass der Begriff nur selten pessimistisch oder fatalistisch verwendet wurde. Vielmehr waren die Zeitgenossen, die den Krisenbegriff verwendeten, meist auch diejenigen, die Krisenlösungsstrategien präsentiert haben, um auf eine bestimmte Veränderung hinzuwirken. Sie setzten den Krisenbegriff strategisch ein, um die Notwendigkeit der Veränderung zu betonen. Eine häufige Verwendung des Begriffes war vor allem bei den politischen Extremen auf der Rechten und Linken zu beobachten, die dadurch versuchten, ihr eigenes Zukunftsversprechen zu plausibilisieren, zu stärken und dann auch radikale Veränderungen zu fordern.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass in den 1920er Jahren die Krise immer fundamentaler gedacht wurde, so dass es schien als sei sie nicht mehr durch kleine Maßnahmen an einigen Stellen zu beheben , sondern letztendlich nur noch durch einen gesamten revolutionären Umsturz des Systems.

LFV-Krisen: Wie passte die Ausweitung des Krisenbegriffes auf verschiede Bereiche zur einengenden Verwendung des Begriffes durch die politischen Extreme der damaligen Zeit?

Graf: Meiner Ansicht nach handelt es sich dabei um zwei verschiedene Bewegungen. Auf der einen Seite wurde der Krisenbegriff zu einer Metapher, die sehr plausibel in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden konnte und sich im ganzen politischen Spektrum einer hohen Attraktivität erfreute, da durch die Definition einer Sachlage als Krise gleichzeitig Handlungsbedarf signalisiert, diese Sachlage zu verändern. Zugleich gab es aber die Tendenz, diese verschiedenen Krisen zu einer Gesamtdeutung zusammenzufügen. Dies war in den 1920er Jahren vor allem an den politischen Rändern der Fall. Dort gab es Akteure, die der Ansicht waren, dass die einzelnen Krisen, die in allen möglichen Bereichen festgestellt wurden, Ausdruck einer einzigen, einer fundamentalen Krise seien.

Bei der politischen Linken gibt es dafür ein klares Deutungsschema. Krise bezeichnet in der marxistischen Geschichtsphilosophie den Ort, an dem sich gesellschaftliche Klassengegensätze verschärfen und so verstärken, dass sie auf eine revolutionäre Transformation und ein neues Stadium der Geschichte hinzulaufen. Die verschiedenen Teilkrisen werden aus einer marxistischen Perspektive als Symptome einer zugrundeliegenden Krise gedeutet, die durch die Überwindung des Kapitalismus und die sozialistische Revolution gelöst werden kann. Dies ist im Grunde genommen ein besonders umfassender und radikaler Versuch, das Gesamtphänomen dieser verschiedenen Krisen zu lösen.

Dieses strukturelle Argumentationsschema haben auch die radikalen Rechten übernommen. Der politische Konservatismus stand in den 1920er Jahren vor dem Problem, dass sein Fundament weggebrochen war. Das Kaiserreich war untergegangen und die alte Ordnung zerbrochen. Arthur Moeller van den Bruck beschrieb den Zustand so, dass konservativ in den 20er Jahren hieß, dass Konservative revolutionär werden müssen, um überhaupt erst die Zustände zu schaffen, die es sich dann wiederum zu bewahren lohnt. Damit übernahmen die Konservativen letztendlich auch ein revolutionäres Deutungsschema und dies passte wiederum zu der Krisenrhetorik der Zeit.

LFV-Krisen: In den 1970er Jahren stieg die Verwendung des Krisenbegriffes zum zweiten Mal im Laufe des Jahrhunderts erheblich an. Was löste diesen Boom aus?

Graf: Die inflationäre Verwendung des Krisenbegriffes in den westlichen Industrienationen in den 1970er Jahren lässt sich auf mehrere übereinanderliegende Phänomene zurückführen. Zum einen durchbrach die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre drei Dekaden exzeptionellen wirtschaftlichen Booms und sie brachte die Vorstellung ins Wanken, dass man den klassischen Konjunkturzyklus und den wirtschaftlichen Ablauf von Boom und Krise durch makroökonomische Steuerung durchbrechen könne. Des Weiteren führten die Öl- und Energiekrisen von 1973 und 1979 zu einer stark inflationären Verwendung des Begriffes, sowie – als entscheidendes Element – der in den 1970er Jahren an Fahrt gewinnende Ökologiediskurs. Es verbreitete sich das Bewusstsein, dass Wachstum und Industrialisierung Folgekosten und Probleme mit sich brachten, die im Rahmen der bestehenden politischen Institutionen nur schwer in den Griff zu bekommen waren. Von daher sorgte der verstärkte Ökologiediskurs auch für eine intensivere Krisenwahrnehmung in den 1970er Jahren.

LFV-Krisen: Wodurch zeichnete sich das Krisenverständnis dieser Zeit aus, wenn man es mit dem Verständnis in den 1920er Jahren vergleicht?

Graf: Der Diskurs der 1920er Jahre hat sich erhalten. Auch in den 1970er Jahren gab es noch immer Leute, die den Krisenbegriff strategisch einsetzten, um Handlungsbedarf zu schaffen und eigene Lösungen anbieten. Dennoch glaube ich, dass sich in den 1970er Jahren ein wesentlich fatalistischer und pessimistischer Krisendiskurs beobachten lässt.

Mit dem gleichzeitigen Auftreten einer Wirtschafts- und ökologischen Krise wurde die Vorstellung eines durch menschliche Aktivität zu gestaltenden Fortschritts durchbrochen, innerhalb dessen die Krise als kritische Durchgangsphase gesehen werden konnte, nach der sich die Situation bessert.

Das liegt auch daran, dass bei den Phänomenen, mit denen man konfrontiert war, nicht klar war, wie sie durch bestehende politische Institutionen beherrscht werden konnten. In Bezug auf die Umweltkrise verbreitete sich beispielsweise die Wahrnehmung, dass bestehende politische Institutionen - vor allem Nationalstaaten mit demokratisch legitimierten Regierungen, die innerhalb der Intervalle von Legislaturperioden denken - nicht in der Lage waren, Maßnahmen zu ergreifen, die für die Sicherung des Überlebens auf dem Planeten für notwendig erachtet wurden, da die Umweltkrise als globale Krise in langen Zeitdimensionen gedacht wird.

Des Weiteren erlebten Europa und die USA die Ölkrisen als Situation, welche sie nicht mehr richtig kontrollieren konnten, da sie auch von Herrschern in weit entfernten Weltregionen ausgelöst und beeinflusst wurde. In den 1970er Jahren erlebten die Amerikaner und die Europäer quasi einen „The Shock of the Global“, wie der Titel eines neueren Sammelbandes über das Jahrzehnt lautet. Mit der neuen Globalitätswahrnehmung entstand auch ein neues Problembewusstsein und zentrale Krisen erschienen nicht mehr gleichermaßen lösbar zu sein. So bezeichnete der US-Präsident Jimmy Carter in einer Rede Ende der 1970er Jahre die allgemeine Krise als er „Crisis of Confidence“ und führte aus, dass Regierungen nicht mehr die richtigen Adressaten seien, um diese Krise zu beheben. Die Krise liege in allen und sie müsse von allen behoben werden. Das ist eine andere Form der Krisenrhetorik, als die der 20er, in der für die Überwindung von Krisen fertige Lösungen, wie die sozialistische Revolution, präsentiert wurden.

LFV-Krisen: In einem Artikel beschäftigen Sie sich mit der Frage, ob der Krisenbegriff als der epochemachende Begriff des 20. Jahrhunderts gesehen werden kann – was ist Ihr Fazit?

Graf: Der Krisenbegriff hat auf eine bestimmte Art epochemachende Qualität, da die Phasen, in denen die Zeitgenossen im 20. Jahrhundert verstärkt Krisen diagnostiziert haben, auch die Phasen sind, die wir Historiker gerne ex post zu Zäsuren in unseren Darstellungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts erklären. Das liegt daran, dass die Krise, so wie ich den Begriff verstehe, ein dramatisches Narrativ beinhaltet. In der Krisensituation gibt es widerstreitende zwei Kräfte, die auf unterschiedliche, existentiell verschiedene Zukünfte hinarbeiten. Eine Entscheidung zwischen der positiven und der negativen Option ist fällig, aber noch nicht gefallen. Daraufhin gibt es entweder eine Lösung im Guten oder eine Lösung in der Katastrophe. Auf diese Weise strukturieren die Zeitgenossen eine bestimmte Konstellation und Historiker und Historikerinnen übernehmen diese zeitgenössischen Interpretamente gern zur Strukturierung ihrer eigenen Darstellungen. Dies finde ich bedenklich, als der Krisenbegriff von Zeitgenossen oft strategisch verwendet wurde und Narrative in den allermeisten Fällen mit politischen Intentionen formuliert worden sind.

LFV-Krisen: Auf diese Problematik zielt auch meine nächste Frage. Sie schreiben, dass Krisen die komplexe Gegenwart dramatisieren – sind Krisennarrative von daher nicht eher hinderlich als förderlich für Historiker?

Graf: Ich beschäftige mich vor allem mit der Art und Weise, wie Zeitgenossen den Krisenbegriff verwendet haben. Dabei glaube ich, dass sie das mit einer bestimmten Intention getan haben und dass ein Verständnis dieser Intentionen wichtig ist, um bestimmte historische Prozesse zu verstehen.

Wenn Historiker jedoch zeitgenössische Interpretamente selbst übernehmen, dann birgt dies die Gefahr, dass wir nur eine zeitgenössische Perspektive übernehmen, anstatt die Vielfalt der möglichen Deutungen historischer Wirklichkeit in den Blick zu nehmen.

Die größte Schwierigkeit, die ich oft in historischen Arbeiten sehe, ist, dass Krisen verwendet werden, um andere Phänomene zu erklären. Es gibt quasi keine geistige Entwicklung in den 1920er Jahren, die nicht schon mit Verweis auf die Krise der 1920er Jahre erklärt worden ist. Das ist aber letztlich keine zureichende Erklärung, da die Krise ein Begriff ist, der ganz eng an Wahrnehmung gebunden ist. Man muss immer genau untersuchen, was die Zeitgenossen wie als Krise wahrgenommen haben, um dann erklären zu können, dass daraus für eine bestimmte Reaktion resultiert haben könnte. Den Krisenbegriff als Explanans zu verwenden, um andere Phänomene zu erklären, erachte ich als schwierig. Man müsste erst erklären, weshalb eine bestimmte Situation als Krise wahrgenommen wurde.

LFV-Krisen: Die inflationäre Verwendung des Krisenbegriffes scheint sich nahtlos in das nächste Jahrhundert übertragen zu haben. Es scheint, als sei die Krise in der heutigen Zeit omnipräsent: Eurokrise, Flüchtlingskrise, Umweltkrise oder auch die Krise der repräsentativen Demokratie: Gehört der Krisenbegriff vielleicht einfach zur Moderne dazu?

Graf: Auf jeden Fall ist der Krisenbegriff ein zentraler Bestandteil der europäischen Moderne. Unsere heutige Verwendung des Krisenbegriffes sowie weitere wesentliche Teile unseres politisch-sozialen Vokabulars wurden um 1800 geprägt, als der Krisenbegriffs auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Phänomene übertragen wurde. Ich nehme an, dass es auch daran liegt, dass der Krisenbegriff eine spezifische Funktion erfüllt, nämlich eine komplexe Gemengelage auf eine binäre Option zu bringen mit einer positiven Lösung auf der einen Seite und einer negativen Drohung auf der anderen Seite. Dies ist dann verbunden mit der Aufforderung, die positive Lösung zu realisieren und die negative abzuwenden. Das ist ein spezifisch modernes Verständnis mit Problemen umzugehen. Es unterscheidet sich fundamental von einem religiösen Weltbild, in dem zum Beispiel eine Naturkatastrophe eine göttliche Strafe ist und Beten die einzige Handlungsoption. Der Krisenbegriff erfüllt eine wesentliche Rolle in Gesellschaften, die glauben, dass die Art und Weise wie sie eingerichtet und verfasst sind, von ihrer eigenen Aktivität abhängt.

Meiner Meinung nach ist dies nicht nur ein spezifisch modernes Verständnis des Krisenbegriffes, sondern auch ein spezifisch europäisches Verständnis. Weitet man den Blick auf andere Sprachen und Regionen, so stellt man fest, dass der Krisenbegriff in verschiedenen afrikanischen Sprachen fehlt und der Begriff auch im Chinesischen erst mit dem Kontakt mit der europäischen Moderne übernommen und eingeführt worden ist.

LFV-Krisen: Sie sagten, dass Krisen in den 1920ern als aktivierende Ereignisse gesehen wurden, um politische Maßnahmen umzusetzen und zu legitimieren. Wie sieht dies heutzutage aus? Wie wirkungsvoll ist das Krisenkonzept in einer Zeit, in der Maßnahmen oft mit einer „Politik der Alternativlosigkeit“ rechtfertigt werden?

Graf: Auch heute noch wird der Begriff in einer aktivistischen Art und Weise verwendet. Man denke an die Eurokrise, die einen Handlungsbedarf ausgelöst hat und während der Politiker in nächtelangen Sitzungen Hilfspakete geschnürt haben oder auch an die Beschreibung der Vorgänge im Jahr 2015 als Flüchtlingskrise. Diese Beschreibung ist natürlich auch mit einer politischen Intention verbunden, dass bestimmte Handlungen notwendig sind. Folglich gibt es diese Verwendung des Begriffes auch heutzutage.

Daneben gibt es auch einen Krisendiskurs, der deutlich fatalistischer ist. Ich glaube es ist schwierig geworden, eine universale Krise zu diagnostizieren mit der Intention, eine Möglichkeit zu bieten, um die Situation zu verbessern oder die Krise mit zentralen Maßnahmen zu lösen. Wer würde heute noch eine Krise als Phase begreifen, nach der man in ein neues Stadium der Geschichte eintreten? Das war aber die Perspektive von Rosa Luxemburg am Ende des 1. Weltkrieges: Der Kapitalismus treibt seiner finalen Krise entgegen und wir müssen diese verstärken und herbeiführen, um in ein grundsätzlich neues Stadium der Geschichte einzutreten. Anzunehmen, dass wir es gegenwärtig mit einer Krise des Geschichtsverlaufs zu tun haben, in deren Anschluss wir in eine neue Zeit eintreten, die grundsätzlich besser sein wird als die Vergangenheit, das wird politisch heutzutage kaum noch von jemanden vertreten. Dieses Verständnis stand jedoch im Hintergrund der Konzepte der Kommunisten am Ende des 1. Weltkrieges, als auch der Nationalsozialisten am Ende der 1920er Jahre. Sie konstruierten eine Krise des Gesamtsystems von Weimar und verschärften diese durch ihre militante Straßenpolitik, während sie sich zugleich als Schöpfer einer neuen glorreichen Zukunft präsentierten. In diesem Sinne gibt es diesen aktivierenden Kurs heutzutage nicht mehr. Wenn heute von einer allgemeinen Krise gesprochen wird, ist das eher ein fatalistischer Diskurs: Es wird immer schlechter oder es wird sowie nicht besser. Krise ist immer. Die aktivierende Krisensemantik gibt es heutzutage nur bezogen auf ganz konkrete kleine politische Krisen, aber nicht mehr auf die Geschichte als Ganzes.

LFV-Krisen: Wir haben im Laufe unseres Gespräches eine Zeitreise gemacht – von den 1920ern, über die 1970er bis in die heutige Zeit. Am Ende des Gesprächs stellt sich die Frage nach der Zukunft des Krisenbegriffes. Hat er das Potenzial auch zum epochemachenden Begriff des 21. Jahrhunderts zu werden?

Graf: Als Historiker befasse ich mich mit der Vergangenheit und nicht mit der Zukunft, auch vor dem Hintergrund, dass die historische Betrachtung lehrt, dass die meisten Aussagen über die Zukunft fehlschlagen. Grundsätzlich würde ich aber keine Veränderung in der Semantik des Begriffes erwarten. Ich glaube nicht, dass die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes im Sinne eines Übergangs von historischen Epochen und eines Besserwerdens der Geschichte zurückkehren wird. Gleichzeitig glaube ich, dass die Inflation des Begriffes, die wir gegenwärtig erleben, zurückgehen wird. Irgendwann mal erschöpft es sich, alles als Krise zu bezeichnen. Und irgendwann wird es dann wieder zu einer Häufung kommen, da das Grundmodell der Krise sehr basal ist, was nicht einfach so verloren gehen wird.

LFV-Krisen: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Thomas Siurkus

 

Zur Person: Dr. Rüdiger Graf leitet die Abteilung II „Geschichte des Wirtschaftens“ am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Im Leibniz-Forschungsverbund „Krisen einer globalisierten Welt“ ist Graf Co-Sprecher der Arbeitsgruppe „Konzepte von Krisen“.