Frankfurter Rundschau am 12.02.2020

Auch eine Banane kriegt die Krise

Heute beginnt "Making Crises Visible", eine Ausstellung, die Kunst und Wissenschaft im Senckenberg-Museum vereint

VON THOMAS STILLBAUER

Im Prinzip ist diese Ausstellung total naheliegend. Man muss nur drauf kommen. Der Leibniz-Forschungsverbund "Krisen einer globalisierten Welt" mit 24 Institutionen kam 2018 drauf. Jetzt, da "Making Crises Visible" fix und fertig aufs Publikum wartet, wird deutlich, wie nah die Schau am Puls der Zeit ist.

"Wir haben eine Inflation der Krisen", sagt Katrin Böhning-Gaese am Dienstag beim letzten Rundgang vor der Eröffnung. Regierungskrise in Thüringen, Coronavirus, Migrationskrise, Radikalisierung. "Was sollen wir tun?", fragt die Biologin, Direktorin des Senckenberg Biodiversität- und Klima-Forschungszentrums und Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft: "Sollen wir überhaupt etwas tun?"

Antworten muss sich jede und jeder selbst überlegen. Aber die Schau im Senckenberg-Museum hätte da ein paar Argumente. Die müssen nicht immer hochwissenschaftlich sein. Susanne Boetsch (Text) und Chunhua Chen (Illustration) haben beispielsweise ein Kinderbuch verfasst, ein Baby der eineinhalbjährigen Beratungen zwischen Wissenschaft und Kunst über eine große Krisenausstellung - es heißt "Die Wutbanane" und ist hinreißend. Die Banane weigert sich, in den Obstsalat zu müssen, und überlegt, was sie tun kann. Unter anderem will sie eine Diktatur gründen. Hoffen wir, dass ihr noch etwas anderes einfällt.

Glänzende Ideen hatten Studierende der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG), Dozenten, Kreative von weiteren Institutionen, um Krisen sichtbar zu machen. Ein riesenhaftes Korallenriff ganz aus Plastikmüll. Mode aus Plastik: ein Kleid, das aus menschlichen Organen zu bestehen scheint, die wiederum aus Kunststoff sind, viele weitere Kreationen, anzusehen unter dem Titel "Making Crises Pretty". Plastik selbst sei nicht krisenhaft, sagt der künstlerische Ausstellungsleiter Felix Kosok, "sondern dass wir es nicht richtig recyceln". Eine Plakatsammlung mit pfiffigen Motiven ist zu sehen, etwa "Der weiße Mann": Da nähert sich von unten ein riesiges Männergesicht mit scharfen Zähnen dem kleinen Hai, der arglos auf dem Meer schwimmt.

50 Kunstwerke, eins spannender als das andere. "Gestaltung wird nicht die Welt retten, aber vielleicht kann sie helfen, Augen zu öffnen", sagt HfG-Professor Klaus Hesse. "Es ist ein Experiment, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat."

"Fantastische Exponate", freut sich Nicole Deitelhoff von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Impulsgeberin von wissenschaftlicher Seite. "Krisen sind für uns wieder gestaltbar geworden durch die Diskussionen", durch viele gemeinsame Workshops der Theoretiker und Praktiker, Forscher und Former. "Wir wollen unser Wissen in die Gesellschaft tragen, aber wir wollen auch lernen." Nicht zuletzt von den Ausstellungsbesuchern und ihren Reaktionen. Die Krise, auch hier ist sie eine Chance.

Eine HfG-Studentin am Korallenriff aus Plastikabfällen und Senckenbergforscherin Katrin Böhning-Gaese vor dem Schau-Logo. ©FR-Foto/Monika Müller

Quelle: Frankfurter Rundschau, 12.02.2020, Seite F9

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