Frankfurter Allgemeine Zeitung Rhein-Main am 12.02.2020

Farbige Denkanstöße zu den Krisen der Welt

Kunst trifft Wissenschaft: Das Senckenberg-Museum zeigt die Ausstellung "Making Crises Visible"

VON EVA-MARIA MAGEL

Stühle aus Metallstangen, auf denen man allenfalls sehr unbequem sitzen kann und dauernd die Balance halten muss. Das Schiedsgericht, das Jana Bleckmann und Paul Pape, Studenten an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, ein gutes Jahr lang entworfen und gebaut haben, sei ganz schön politisch und kritisch geworden, sagt Stefan Kroll.

Der Politikwissenschaftler ist Koordinator des Leibniz-Forschungsverbundes "Krisen einer globalisierten Welt" an der Hessischen Stiftung Friedensund Konfliktforschung. Er forscht unter anderem zu Schiedsgerichten als Möglichkeiten der Konfliktlösung in der internationalen Politik. Seine Arbeit versteht er, wie im Grunde alle Wissenschaftler, als ein möglichst objektives Forschen, Auswerten, Darstellen. Nun hat sie zwei jungen Künstlern als Anregung für ihre Installation gedient. Wie gut 50 andere künstlerische Arbeiten im Senckenberg-Museum soll sie die Besucher dazu anregen, sich mit den Krisen auseinanderzusetzen, mit denen die Welt und der Mensch konfrontiert sind. Mal provozierend, mal einfach nur als guter Witz, mal tief- und hintergründig. Immer aber in direktem Bezug zu aktueller Forschung, die so zugänglich wird.

"Making Crises Visible" heißt die großangelegte Ausstellung samt Rahmenprogramm, die von heute an bis 2. Juni im Senckenberg-Naturmuseum zu erleben ist. Dafür haben sich sechs des aus 24 Leibniz-Instituten bestehenden Forschungsverbunds "Krisen einer globalisierten Welt", darunter die Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, die Goethe-Universität und der dort angesiedelte Verbund "Normative Ordnungen", Medico International und die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, zusammengetan, Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg und des Shanghai Institute for Visual Arts haben die Kunstwerke und Gestaltungselemente entworfen.

Die Verbindung von Wissenschaft, Kunst und Gestaltung biete ein außergewöhnliches Potential, so Katrin Böhning-Gaese, im Senckenberg-Direktorium Leiterin des Programms Wissenschaft und Gesellschaft und Direktorin des Forschungszentrums Biodiversität und Klima. Sie erhofft sich nicht nur, andere Besuchergruppen in das Naturmuseum zu bringen, sondern einen Dialog anzustoßen. Damit kann auch dazu motiviert werden, selbst aktiv zu werden.

Denn auch wenn eine Videoinstallation die persönliche Meinung von beteiligten Wissenschaftlern erfragt: Deren Haltung ist es vielmehr, Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Anlässlich der Bürger-Universität "Krise der Demokratie" am Vorabend der Ausstellungseröffnung wurde aber auch deutlich, dass die Trennlinien nicht so scharf verlaufen - schließlich sei alles Handeln auch politisch, sagte Verena Kuni, Professorin für Kunstpädagogik. Zudem ist die Ausstellung als Zwischenstand eines Austauschs von Kunst und Wissenschaft und dessen Vermittlung gemeint.

Seit Mai 2018 wird an dem Projekt gearbeitet, das mit einer Kurzvorstellung der Forschungsfragen vor den Studenten begonnen hat. Die thematisierten Krisen sind vielfältig: Kriege, Rassismus und Radikalisierung, Krise der liberalen Weltordnung und Grundsätze des Handelns in der Krise befragen die Werke. Zahlreiche Projekte haben das Anthropozän, den Klimawandel und das Artensterben zum Thema. Xinyu Chen, Chunhua Chen und Tania Felske etwa haben mehr als ein Jahr lang Plastikmüll gesammelt, gereinigt und künstlerisch bearbeitet. Ihr riesiges "Korallenriff" aus Plastik ist ein Blickfang und weist in seiner schieren Größe und Farbigkeit doch auf ein drängendes Problem hin. Frei von Belehrung solle die Ausstellung sein, sagte der Designprofessor der HfG, Klaus Hesse.

Zu sehen sind nicht nur zwei Ausstellungsräume mit Filmen, interaktiven Spielen und grafischen Werken, von der Virtual-Reality-Installation bis zu den "Weekly Political Posters", die Felix Kosok, einer der Organisatoren, gestaltet hat. Im ganzen Museum kann man Denkanstößen begegnen, neuer Kunst in Verbindung zu den Exponaten. Die Ausstellung solle "Standardbilder in Frage stellen" und den Blick drehen, sagte der Politikwissenschaftler und Philosoph Rainer Forst in der Bürger-Universität. Heute um 19 Uhr wird er diesen Faden mit einem Vortrag zur "Krise der Demokratie" aufnehmen.

Sichtbare Krise: Das Korallenriff in der Ausstellung "Making Crises Visible" besteht aus dem Plastikmüll eines Jahres. ©F.A.Z.-Foto/Helmut Fricke

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2020, Frankfurt (Rhein-Main-Zeitung), Seite 30

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