Der Einfluss der Corona-Pandemie auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Krisenforschung

Abschließendes Interview mit Prof. Dr. Nicole Deitelhoff ¹

LFV-Krisen: „Krise ist immer dann, wenn jemand sagt und viele glauben, dass Krise ist.“ – sagten Sie in unserem ersten Gespräch 2018. Am 31.12.2019 meldete China eine neue Lungenerkrankung an die WHO; am 27.1.2020 gab es den ersten Corona-Fall in Deutschland. Wann wurde aus dem Auftreten des Corona-Virus eine Krise?

Deitelhoff: Ich bleibe bei meiner alten Aussage: Eine Krise entsteht in dem Moment, in dem Entscheidungsträger:innen oder auch Teile der Gesellschaft eine Problematik als Krise einordnen und diese Einschätzung in der Öffentlichkeit aufgenommen und bestätigt wird. Das kann man auch anhand der Corona-Pandemie aufzeigen. Die von Ihnen genannten Ereignisse sind lediglich Daten und für sich genommen noch keine Krise. Sie werfen jedoch sehr wohl die Frage auf, wann aus Daten eine nach einer politischen Antwort rufende Krise wird. Dies ist meiner Ansicht nach der Fall, wenn Entscheidungsträger:innen oder Teile der Gesellschaft zu der Ansicht kommen, dass das Auftreten eines Phänomens solch negative Konsequenzen haben könnte, dass sofort etwas unternommen werden muss. Wenn diese Auffassung von anderen geteilt wird, dann bewegen wir uns von einem Problem hin in eine Krise.

LFV-Krisen: Ihre Aussage verbindet den Krisenbegriff mit einer subjektiven Wahrnehmung. Vielleicht lässt sich diese Krisendefinition mit der Wahrnehmung der Corona-Pandemie anfechten. Oder würden Sie sagen, dass in Brasilien, den USA und Großbritannien – drei Länder, in denen der Virus von der Regierung zu Beginn nicht ernst genommen wurde – die Corona-Pandemie anfangs noch keine Krise war?   

Deitelhoff: Ja – für diese Länder handelte es sich anfangs noch um keine Krise, sonst hätten sie anders agiert. Die Regierungen haben die Entwicklung der Pandemie als ungünstige Entwicklung wahrgenommen. Sie waren jedoch offensichtlich der Überzeugung, dass sie die Lage unter Kontrolle halten könnten. Erst im Moment des Kontrollverlustes fingen die Regierungen an umzuschwenken. Natürlich könnten wir von außen betrachtet sagen, dass es sich schon zu einem früheren Zeitpunkt um eine Krise gehandelt hat. Jedoch ist unsere Bewertung der Situation überhaupt kein Indikator dafür, wie innerhalb der betroffenen gesellschaftlichen Räume gehandelt wird.

LFV-Krisen: Das wirft die Frage auf, welche Instanz darüber entscheidet, wann eine Krise vorherrscht. Sind es die gewählten Regierungen oder zivilgesellschaftliche Akteure?

Deitelhoff: Das hängt ganz davon ab, mit was für einem Gesellschaftssystem wir es zu tun haben. In pluralen Gesellschaften, in denen Meinungsfreiheit herrscht, haben wir es manchmal mit konkurrierenden Deutungen zu tun, die in die öffentliche Debatte eingebracht werden; nicht nur von Regierungen, sondern auch von gesellschaftlichen Gruppen, die ein bestimmtes Problem als Krise wahrnehmen. In autoritären Ländern hingegen ist es viel wahrscheinlicher, dass die Einordnung als Krise durch die Regierung zustande kommt, da in diesen Systemen nur eingeschränkte Möglichkeiten bestehen, vielfältige und auch konkurrierende Ansichten in die Debatte einzubringen.

LFV-Krisen: Dass mit dem Krisenbegriff Politik gemacht werden kann, haben wir unter anderem im Interview mit Anna-Katharina Hornidge, Linde Götz und Ihnen beleuchtet. Genau dieser Vorwurf wird insbesondere von Seiten der Unterstützer:innen sogenannter „Hygiene-Demos“ erhoben. Verschwörungstheoretiker:innen sprechen von einer „Corona-Diktatur“. Ist die Verwendung des Krisen-Begriffes vor diesem Hintergrund vielleicht sogar hinderlich?

Deitelhoff: Nein, das ist sie nicht. Natürlich wird mit dem Krisenbegriff auch Politik gemacht. Die Krise ist ein Begriff, der mobilisierend wirkt. Er soll Unterstützung für die eigene Position generieren und darüber hinaus bestimmte Debatten stilllegen. Aufgrund dieser Wirkung wird der Begriff von Regierungen auch durchaus vorsichtig verwendet. Dass Anhänger:innen der „Hygiene-Demos“ von einer „Corona-Diktatur“ sprechen, ist jedoch in keinem ursächlichen Zusammenhang damit zu sehen.

LFV-Krisen: Im Interview mit Alexia Katsanidou haben wir auf die Bedeutung des Wortes Krise geblickt. Eine Krisensituation ist ein Moment der Entscheidung, er zeigt alternative Wege und Möglichkeiten auf. Findet zurzeit ein solch offener Krisendiskurs statt, in dem unterschiedliche Lösungen diskutiert werden oder ist „querdenken“ im Angesicht einer Pandemie unerwünscht und mit der Gefahr verbunden ausgegrenzt zu werden?

Deitelhoff: Querdenken ist ein Begriff, den ich selbst nicht verwenden würde, da er aus dem rechten Lager stammt. Die Frage zielt darauf ab, was eine Krisensituation ausmacht. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Medizin und beschreibt die kritische Phase, in der das Leben der Person auf der Kippe steht und das Überleben von der Entscheidung abhängt, die in diesem Moment getroffen wird. Die Phänomene, die wir heute als Krise betrachten, sind im Grunde genommen eine Kette von Krisen, die sich über viel längere Zeiträume hinwegziehen und verschiedene Verläufe annehmen. Dabei lassen sich auch Regelmäßigkeiten im Verlauf erkennen.

In der ersten Phase wird ein Phänomen als Krise erkannt und definiert, wie ich vorhin bereits skizziert habe. In dieser Phase besteht keine offene Diskussion. Vielmehr schreit jemand, dass Krise ist, und dieser Ruf wird angenommen und schließt gleichzeitig die Diskussion. Die Menschen suchen in diesem Moment nach Führung, schauen nach oben, stellen die Frage was zu tun ist und sind auch im besonderen Maße geneigt, den Aufforderungen der Regierungen Folge zu leisten. Das kann man gut anhand der Situation in Deutschland veranschaulichen. Als die Corona-Krise als solche im Frühling deklariert und Maßnahmen zur Eindämmung des Virus verkündet wurden, konnte man in der Anfangsphase ein enorm hohes Maß an Regeleinhaltung sehen, was fast schon an Übererfüllung grenzte.

Mit dem Voranschreiten der Zeit und dem Fruchten der Maßnahmen nimmt die in der Anfangsphase herrschende große Angst ab. In diesem Abschnitt sehen wir, dass sich die Diskursräume wieder öffnen. Nun wird angefangen darüber zu diskutieren, ob die Maßnahmen richtig und angemessen waren und sind und es wird hinterfragt, ob man auf dem richtigen Weg ist und an welchen Stellschrauben man drehen könnte. Auch diese Phase lässt sich wunderbar anhand der Corona-Pandemie aufzeigen, wenn man an die unterschiedliche Herangehensweise der einzelnen Länder blickt, die nach einer gewissen Zeit eingesetzt hat. Man konnte sehen, dass die Lösungsansätze auseinandergehen und sich die Diskursräume wieder geöffnet haben. Momentan befinden wir uns noch in dieser Phase. Wir haben eine breite gesellschaftliche Diskussion; Minister:innen, die den Rückblick und die kritische Bewertung getroffener Entscheidungen wagen. Das ist ein vollkommen normaler Verlauf, den wir bei Krisen immer wieder beobachten können. Dieser letzte Schritt ist auch wichtig, da er die Diskussion darüber erlaubt, wie man von der Krise wieder in den Normalzustand zurückkehren kann.

LFV-Krisen: Eines der vorgebrachten Argumente von Gegnern der Corona-Maßnahmen ist, dass die niedrigen Zahlen die Maßnahmen nicht rechtfertigen würden. Dagegen wird eingewandt, dass dies wohl einer gelungen Krisenprävention geschuldet sei. Kann man dieser Diskussion entfliehen oder ist es einer erfolgreichen Krisenbewältigung inhärent, dass das Ausmaß der Krise angezweifelt wird, wenn sie erfolgreich bewältigt wurde?

Deitelhoff: Man kann dieser Diskussion nicht entfliehen, da sie tatsächlich inhärent ist. Erfolgreiche Krisenbewältigung ist die, in der die schlimmsten Ereignisse nicht eintreten und in der das Phänomen, das wir als Krise beschreiben, einen harmlosen Verlauf annimmt. Bei einem solchen Verlauf kommt es in der beschriebenen zweiten Phase der Reflektion oft dazu, dass die Notwendigkeit der getroffenen Maßnahmen angezweifelt wird und teilweise auch die Richtigkeit der Krisendiagnose. Darüber muss gestritten werden dürfen. Beim Umgang mit einer Krise gibt es keine absoluten Kriterien, die angelegt werden können. Deshalb müssen wir eine öffentliche Debatte zulassen und darüber vermittelt als Gesellschaft einen gemeinsamen Weg der Krisenbewältigung finden.

LFV-Krisen: Wie wirkt sich Corona auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus?

Deitelhoff: Krisen sind Verstärkerphänomene für gesellschaftliche Entwicklungen; sie lassen diese deutlicher zum Vorschein treten. In der deutschen Gesellschaft gibt es eine Polarisierung, die schon weit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie eingesetzt hat und deutlich abgegrenzte radikale Ränder geschaffen hat.

Diese Ränder machen sich auch während der Krise lautstark bemerkbar. Verstärkt wird ihre Sichtbarkeit durch die Berichterstattung, denn Medien lieben Krisen. Sie sind enorm spannungsgeladen und schreien nach Geschichten. Von daher ist es nachvollziehbar, dass jeder Aspekt der Krise von ihnen beleuchtet wird. Diese intensive Berichterstattung führt jedoch dazu, dass die radikalen Ränder auch im Zuge der Krisenberichterstattung auftauchen. Radikale Gruppen eignen sich die Krise an, werden besonders häufig porträtiert. Dadurch entsteht bei vielen der Eindruck, wir hätten es mit einer gespaltenen Gesellschaft zu tun. Das habe ich in den letzten Monaten oft gehört. Das ist jedoch Unfug! Wir haben keine gespaltene Gesellschaft. Das würde nämlich bedeuten, dass die einzelnen Segmente einer Gesellschaft nicht mehr in einem gemeinsamen Institutionssystem zusammenkommen können. Abgesehen von den Reichsbürgern, die einen verschwindend geringen Teil der Bevölkerung ausmachen, können wir eine solche Spaltung jedoch nicht beobachten. Von daher lässt sich dieser Eindruck vor allem anhand einer extrem fokussierten Berichterstattung erklären, die typisch für Krisen ist, und Phänomene größer wirken lässt als sie sind.

LFV-Krisen: Rüdiger Graf hat im Interview dargestellt, dass Krisen oft ein mobilisierendes Potenzial entfalten. Nun könnte man meinen, dass die Strategie zur Bekämpfung des Virus genau das Gegenteil verlangt: Zu Hause bleiben und große Menschenmengen meiden. Das öffentliche Leben – davon betroffen sind auch Demonstrationen und Diskussionsveranstaltungen – wird größtenteils heruntergefahren. Ist diese These ein Trugschluss? 

Deitelhoff: In der Tat mobilisieren Krisen zum gemeinsamen Handeln. Das sieht man auch an den Anstrengungen, die von den Menschen während der Corona-Pandemie unternommen wurden. Das bezieht sich nicht nur auf die Erfüllung der Auflagen, sondern auch auf die gegenseitige Hilfe. Es wurden Masken genäht, Einkäufe übernommen und gespendet. Das ist der angesprochene mobilisierende Faktor, der sich überhaupt nicht dadurch ändert, dass dieser Krise durch Vereinzelung und Kontaktbeschränkungen begegnet wird. Denn es geht nicht allein um den physischen Kontakt, wenn wir über Mobilisierung sprechen, sondern um das kollektive Handeln. Das lässt sich durchaus ohne physischen Kontakt hinbekommen, wie die letzten Monate gezeigt haben.

LFV-Krisen: Hat sich Ihr persönliches Krisenverständnis durch die Corona-Pandemie gewandelt?

Deitelhoff: Mein Krisenverständnis hat sich durch die Pandemie nicht verändert. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass wir mithilfe der Pandemie unsere Annahmen von Ursprüngen, Verläufen und Kommunikation von Krisen überprüfen können. Die Corona-Pandemie ist geradezu eine idealtypische Krise.

LFV-Krisen: Hat die Pandemie zu Veränderungen in der Krisenforschung geführt?

Deitelhoff: Die Krisenforschung selbst hat sich nicht verändert, jedoch die Aufmerksamkeit, die ihr geschenkt wird. Darüber hinaus zeigt die derzeitige Lage auf, dass es sich bei der Krisenforschung um einen der interdisziplinärsten Forschungsbereiche handelt. Jeder ist momentan Krisenexperte und das aus den unterschiedlichsten Bereichen. Nicht nur Virologen sind gefragt, sondern auch Soziologen, Naturwissenschaften und Juristen, die die Auswirkungen der Corona-Pandemie aus ihrer Perspektive beleuchten.

LFV-Krisen: Mit Anna-Katharina Hornidge haben wir darüber gesprochen, wie sich eine gestiegene Aufmerksamkeit auf die eigene Forschung auswirkt. Zum einen werden zusätzliche Mittel bereitgestellt. Zum anderen besteht jedoch auch die Gefahr der Instrumentalisierung des Expertenwissens für eigene politische Interessen. Sehen Sie diese Gefahr auch in der Coronakrise?

Deitelhoff: Das klingt so als würde ein sinistres Kalkül dahinterstecken; den Eindruck möchte ich ein wenig relativieren. Stellen sie sich vor, sie sind Ministerpräsident:in und müssen entscheiden, ob sie einen Lockdown verhängen und wie dieser gegebenenfalls ausgestaltet sein soll. Sie müssen ihre Entscheidung begründen und da ist es naheliegend, sich Expert:innen zu  holen, die eine solche Situation fachlich beurteilen können. Die Expert:innen selbst treffen die Entscheidung nicht, das ist Aufgabe der Politik. Sie können jedoch die Grundlage für eine Entscheidung schaffen, indem sie das Infektionsgeschehen bewerten und Implikationen verschiedener Verläufe aufzeigen. Damit erfüllen sie auch das Bedürfnis der Politik nach Sicherheit; die eigene Entscheidung kann mithilfe der Einschätzung der Expert:innen begründet werden.

Dass politische Autoritäten bei der Suche nach geeigneten Expert:innen gerne zu Personen tendieren, die beispielsweise anhand veröffentlichter Publikationen eine ähnliche Haltung aufzeigen, ist naheliegend.  Es gehört schon viel Größe und Weitsicht dazu sich Expert:innen in sein Team zu holen, bei denen man von Vornherein weiß, dass sie einem in allem widersprechen wird. Natürlich kann ein solcher Austausch lehrreich sein, jedoch fällt es insbesondere in Krisenzeiten, in denen schnelle und klare Entscheidungen benötigt werden, schwer, einen solchen Weg zu gehen. Da hält man eher nach Expert:innen Ausschau, die einem nahe stehen. Dadurch kann der nicht ganz falsche Eindruck entstehen, dass Expert:innen nicht objektiv ausgesucht werden, jedoch hat dies häufig kein sinistres Kalkül und findet auch darin seinen Ausgleich, dass Expert:innen mit unterschiedlichen Ansichten Stellung beziehen.

LFV-Krisen: Politische Autoritäten stellen die Ansicht der von ihnen konsultierten Expert:innen oft als einzig richtige Lösung dar und suggerieren dadurch eine gewisse Alternativlosigkeit. Was hat das für Konsequenzen für die Wissenschaft?

Deitelhoff: Es ist verständlich, dass Politiker:innen bei der Begründung ihrer Entscheidung auf wissenschaftliche Expertise zurückgreifen und diese oft als alternativlos darstellen. Dies dient dem Selbstschutz und gewissermaßen wird damit auch versucht Verantwortung von sich zu weisen. Dabei wird jedoch eine Erwartungshaltung aufgebaut, die oft enttäuscht wird. Denn die Wissenschaft kann keine richtige Antwort auf politische Fragen geben. Die Wissenschaft bietet die Grundlage, auf derer darüber nachgedacht werden kann was richtig oder falsch ist.

Wenn die Politik mit Verweis auf Expert:innen eine Alternativlosigkeit suggeriert und sich ein anderer Weg auftut, kann dies schnell zu Politikverdrossenheit führen, zu Phrasen wie „Die lügen doch eh alle!“ oder „Die sagen ja nie die Wahrheit!“. Das wirkt sich auf die Politik aus, schlägt sich jedoch auch in der Wissenschaft nieder, die der Regierung mit Rat zur Seite stand. Deshalb ist Politikberatung für Wissenschaftler:innen ein Balanceakt. Auf der einen Seite haben wir einen gesellschaftlichen Auftrag Wissen zu produzieren und zu gesellschaftlichen Lösungen beizutragen. Auf der anderen Seite müssen wir jedoch immer deutlich machen, dass wir nicht die Antworten auf politische Fragen geben können, sondern nur die Entscheidungsgrundlagen. Die große Kunst ist es, die richtige Distanz zu wahren.

LFV-Krisen: Im Interview mit Oliver Ibert haben wir beleuchtet, dass Krise zum Alltag werden kann. Ein halbes Jahr nach dem ersten Corona-Fall in Deutschland nimmt die Anzahl der Tagesschau-Brennpunkte und der Krisensitzungen im Kanzleramt ab. Wann wird aus der Corona-Krise das Leben mit Corona?

Deitelhoff: Meiner Wahrnehmung nach befinden wir uns bereits im Leben mit der Krise. Das sieht man nicht nur an der abnehmenden Anzahl an Krisensitzungen und Brennpunkten im Fernsehen, sondern vor allem an unserem eigenen Verhalten. Für die meisten Leute ist es selbstverständlich geworden, stetig eine Mund-Nase-Bedeckung mit sich zu führen und wir müssen nur noch selten daran erinnert werden sie aufzusetzen. Das war am Anfang der Krise noch anders! Gleichzeitig setzt auch eine gewisse Normalisierung ein. Das ist gefährlich, denn die Krise ist noch nicht vorbei. Wir sind in einer Phase, in der die Infektionszahlen wieder steigen und die Prognosen die Möglichkeit eines weit schlimmeren Infektionsverlaufs als im Frühjahr aufzeigen. Und trotzdem sind wir so routiniert geworden, dass sich eine gewisse Fahrlässigkeit einschleichen kann. Wir verlassen uns auf die Mund-Nase-Bedeckung und denken, dass sich der Alltag wieder problemlos gestalten lässt. Das ist jedoch nicht der Fall und muss immer wieder klar von Seiten der Politik kommuniziert werden. Das geschieht auch: Die Kanzlerin hat sehr deutlich vor steigenden Infektionszahlen gewarnt und auch die Ministerpräsident:innen der Länder treten wieder zusammen. Die Krisenkommunikation wird erneut hochgefahren und es wird auf die Ampel gezeigt, die wieder droht auf Rot zu schalten. Viele Menschen haben das jedoch noch nicht begriffen, denn sie haben sich eingelebt in das Leben mit Corona.

LFV-Krisen: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview wurde geführt von Thomas Siurkus.

¹ Das Interview wurde am 29. September 2020 aufgezeichnet.

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff
Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens-und Konflitforschung (HSFK)
Frankfurt am Main
deitelhoff@hsfk.de
Zur Person

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Leibniz Institut Hessische Stiftung Friedens- & Konfliktforschung und Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Des Weiteren ist Sie Sprecherin des Leibniz-Forschungsverbundes „Krisen einer globalisierten Welt“.