Werden wir unserer Verantwortung im Hinblick auf die Klimakrise gerecht?

Interview mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Kira Vinke

LFV-Krisen: Mit welcher Art von Krisen beschäftigen Sie sich?

Vinke: Zum einen beschäftige ich mich mit der Klimakrise, der starken Degradierung und Veränderung großskaliger Ökosysteme, zum anderen mit den daraus resultierenden Folgekrisen für Menschen und Ihre Lebensgrundlagen. Insofern kann man von zwei unterschiedlichen, aber dennoch zusammenhängen Krisen sprechen, mit denen ich mich auseinandersetze.

LFV-Krisen: Sie haben bereits die Klimakrise angesprochen. Würden Sie die Thematik rund um den Klimawandel bereits als Krise bezeichnen oder eher als Krise im Kommen?

Vinke: Die Situation in besonders exponierten Ländern – wie Bangladesch oder den Marshall-Inseln – kann man bereits jetzt als regionale Klimakrise bezeichnen. Dort leben große vulnerable Bevölkerungsgruppen, die keine Möglichkeit haben, sich an Veränderungen im Klimasystem anzupassen, selbst wenn diese noch moderat sind. Der Klimawandel führt dazu, dass sich Menschen vor existenzielle Nöte gestellt sehen. Wenn zum Beispiel Landwirte nicht mehr wissen, wann sie ihre Saat ausbringen sollen, weil sich die Regenfallmuster verändert haben, dann kann ein daraus resultierender Ernteverlust zu der Vernichtung von Existenzen führen. Denn diese Menschen haben keine finanziellen Rücklagen.

Ein anderes Beispiel sind die Waldbrände in Australien und im Amazonasgebiet, die den Lebensraum von Menschen und Tieren vernichten. Gleichzeitig wird die Zeit umzusteuern und den Klimawandel zu stoppen, immer knapper.

Die Situation in manchen Regionen der Erde entspricht heute bereits dem, was mit dem Begriff „Klimakrise“ gemeint ist.  Aber auch bei uns in Deutschland sind die Folgen des Klimawandels bereits deutlich zu spüren. Deswegen sollten wir uns schon heute in den Modus der Krisenbewältigung begeben.

LFV-Krisen: Sie beschäftigen sich mit Klimafolgen als Konfliktursachen – welche neuen Konflikte entstehen durch den Klimawandel?

Vinke: Die Natur der Konflikte ändert sich nicht unbedingt. Allerdings beeinflusst der Klimawandel bestimmte Konflikttreiber – beispielsweise die Knappheit von Ressourcen, die Spaltung zwischen Arm und Reich sowie die Ungleichverteilung von Macht in einer Gesellschaft. Insofern wirkt sich der Klimawandel verschärfend auf bestehende Konfliktherde aus und kann auch selbst zur Ursache von gewaltsamen Auseinandersetzungen werden.

Ein Beispiel: In einer Region sind vier Länder von einer Dürre betroffen. In drei Ländern führt dies zu keiner Krise, da es vor Ort bestimmte Vorkehrungen gibt, etwa landwirtschaftliche Versicherungen, Schutz von Minderheiten und Aushandlungsprozesse in demokratischen Systemen, die Kompromisse ermöglichen. Im vierten betroffenen Land, in dem womöglich ein Diktator an der Macht ist und es bereits großen Unmut in der Bevölkerung gibt und keinen Schutz für Landwirte, die von der Dürre betroffen sind, dort kann  ein bestehender Interessenskonflikt durch ein klimatisches Ereignis in einen gewaltsamen Konflikt übergeht. Das hat natürlich wesentlich mit Governance-Strukturen zu tun und der Funktionalität des Staates im Ganzen. Es handelt sich folglich um eine komplexe Gemengelage, in welcher der Klimawandel in Zukunft wahrscheinlich eine stärkere Rolle spielen wird.

LFV-Krisen: In einem kürzlich erschienenen Artikel schreiben Sie, dass Klimaschutz Krisenprävention ist und zeigen dies am Beispiel von Burkina Faso auf. Können Sie diesen Zusammenhang erläutern?

Vinke: Wenn durch den Klimawandel Ernteerträge ausfallen und die Selbstversorgung der Bevölkerung nicht mehr gesichert ist und deswegen etwa eine Million Einwohner Burkina Fasos auf zusätzliche Lebensmittellieferungen angewiesen sind, dann führt das fast zwangsläufig zu Spannungen und Konflikten. Islamistischen Terrorgruppen bieten sie ein beinahe ideales Terrain. Ihre Taktik ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Sie wiegeln eine Volksgruppe gegen eine andere auf und schaffen verbreiten Unsicherheit.

Daraus folgert: Um solche Krisen zu verhindern, müssen wir den Klimawandel unbedingt eindämmen. Zum einen, weil die Gefahr einer sehr tiefen ökologischen Krise besteht. Zum anderen, weil das Risiko neuer regionaler Konflikte immer größer wird, je mehr wir am Klima-Rad drehen. Durch die Reduktion von Emissionen kann man den Klimawandel eindämmen und dadurch eben auch bestimmten Konfliktmechanismen vorbeugen.

Deutschland steht als hochindustrialisiertes Land und als Mitglied der Europäischen Union wegen der bisherigen massiven Emissionen in der moralischen Pflicht und in der historischen Verantwortung, Ländern, die besonders exponiert sind und wenig zum Klimawandel beigetragen haben, dabei zu helfen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Betroffene Staaten, beispielsweise im Zentralpazifik, haben weder die finanziellen noch die personellen oder wissenschaftlichen Kapazitäten, um diesen enormen Herausforderungen zu begegnen. Durch gemeinsame Aktivitäten zum Schutz der Umwelt, wie zum Beispiel „environmental peace-building“, können Krisen vorgebeugt werden, indem Parteien, die einander sonst feindlich gegenüberstehen würden, gemeinsam für eine bessere Zukunft arbeiten.

LFV-Krisen: Zurzeit sind Sie Ko-Vorsitzende des Beirats Zivile Krisenprävention und Friedensförderung und beraten die Bundesregierung. Schlägt sich die historische Verantwortung, die Sie gerade angesprochen haben, in der deutschen Politik nieder?

Vinke: Diese Verantwortung leitet sich aus zwei Prinzipien ab. Zum einen gibt es den humanitären Imperativ: Wir helfen denen, die Hilfe brauchen, weil es ihnen schlechter geht als uns. In dieser Hinsicht steht unser Land relativ gut da. Deutschland engagiert sich sowohl durch NGOs als auch durchstaatliche Maßnahmen und betreibt eine ernsthafte Entwicklungszusammenarbeit, um der Ungleichheit auf der Welt entgegenzuwirken.

Das andere Verantwortungsprinzip ist die Klimagerechtigkeit, also Verantwortung für den hohen Emissionsausstoß zu tragen und für die daraus resultierenden transnationalen Schäden aufzukommen. Nach wie vor stoßen wir viel zu viel Co2 aus. Hier besteht akuter Handlungsbedarf. Obwohl Deutschland im internationalen Vergleich aktiver ist als andere Länder, glaube ich, dass wir der moralischen Verantwortung, gemessen an den Schäden, die wir verursacht haben und weiter verursachen, noch nicht gerecht werden. Gerade bei der Krisenprävention sollte das Thema Klimawandel sowohl in Bezug auf Vermeidung und Anpassung an Schäden deutlich stärker als bisher integriert werden. Dass nun ein klimawissenschaftliches Institut im Beirat zivile Krisenprävention und Friedensförderung vertreten ist, sehe ich als Zeichen dafür, dass die Bundesregierung diese Notwendigkeit anerkennt und es Fortschritte in dieser Richtung geben wird.

LFV-Krisen: Sie arbeiten an einem Projekt, in welchem Frühwarnsignale für klimawandelbezogene Konfliktrisiken identifiziert werden sollen. Welche Signale haben Sie identifizieren können?

Vinke: Es gibt verschiedene Ansätze, um sich der Identifikation von Frühwarnsignalen zu nähern. Einerseits kann man die prognostizierten Klimafolgen betrachten und analysieren, ob es regionale Unterschiede gibt und sich die Betroffenheit verschiedener Länder unterscheidet. Meine Kollegen Dr. Jonathan Donges und Dr. Carl-Friedrich Schleussner haben sich mit einer ganzen Reihe von Faktoren auseinandergesetzt und herausgefunden, dass ethnisch stark fragmentierte Länder nach einer Dürre eher von Konfliktrisiken betroffen sind, als andere Länder. Das sind statistische Erkenntnisse, die wir durch qualitative Untersuchungen bekräftigen konnten. In einer Arbeit haben wir uns mit historisch gewachsenen Problemlagen beschäftigt, beispielsweise Konstellationen, bei denen zwei oder mehr ethnische oder religiöse Gruppen traditionell unterschiedlichen Arbeiten nachgehen und bei klimatischer Veränderung in einem Ressourcenkonflikt einander gegenüberstehen. In solchen Fällen wird oft entlang ethnischer Linien polarisiert. Gruppen werden dann auch gegeneinander aufgebracht und mobilisiert. Obwohl der Grund für den Interessenskonflikt vielmehr ökologischer Natur ist, wird der Konflikt, angeheizt durch populistische Parolen, entlang der ethnischen oder religiösen Linien geführt.

LFV-Krisen: Sie haben bereits in verschiedenen Ländern geforscht – waren unter anderem auf Hawaii, in Indien und in Bangladesch und haben die Wahrnehmung von, sowie die Herangehensweise an Krisen in verschiedenen kulturellen Kontexten kennengelernt. Entdecken Sie Unterschiede?

Vinke: Was wir hier in Deutschland als Krise empfinden, deckt sich nicht mit dem Empfinden eines Slum-Bewohners in Bangladesch. Die Toleranzschwelle für Notlagen liegt bei Gruppen, die ohnehin schon benachteiligt sind, viel höher. Außerdem stehen uns mehr Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung, um Krisen zu bewältigen. Während wir in unserem System über eine demokratische Repräsentation verfügen, leben Menschen anderorts in informellen Siedlungen unter äußerst schwierigen Bedingungen und erhalten keine Zuwendungen vom Staat; sie sind zum Teil nicht einmal amtlich registriert.

Diese Menschen leben im Schatten der Gesellschaft und haben keine Möglichkeit, ihre Interessen durchzusetzen. Die nationale Politik hat vor Ort kaum Einfluss und kommunale Verwaltungen stark begrenzte Ressourcen. Gleichzeitig kämpfen viele Slumbewohner*innen und Subsistenzbäuerinnen und -bauer tagtäglich um ihr Überleben. Selbst ein Einkommensverlust über wenige Tage hinweg, beispielsweise verursacht durch Hochwasser oder einen Sturm, kann zu existenziellen Krisen führen. Allein dieser Umstand zeigt schon, dass noch viel getan werden muss, um die Menschen in den Ländern, in denen es noch extreme Ungleichheit und bittere Armut gibt, in die Lage zu versetzen, sich an Klimaveränderungen anzupassen.

LFV-Krisen: Sehen Sie auch Unterschiede in den Erklärungsansätzen von Krisen?

Vinke: Ja. Jeder zieht aus seinem eigenen Erfahrungshorizont Erklärungsmuster, um Krisen zu begründen und zu erklären. Ich habe mit Landwirten in Bangladesch gesprochen, die viel stärker vom Klimawandel betroffen sind als wir, und habe sie gefragt, ob sie Veränderungen in ihrer natürlichen Umwelt beobachten. Das bejahen sie und ihre Antworten decken sich mit den Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Publikationen. Fragt man sie jedoch nach den Ursachen, so kommt entweder überhaupt keine Antwort oder es wird auf die Religion und den Willen Gottes verwiesen. Nur selten antworteten die Bauern, dass der Klimawandel die Ursache dafür ist. Diese Reaktion lässt sich damit erklären, dass diese Menschen wenig formelle Bildung erfahren durften und ihr Verständnis der Umwelt auf traditionellem Wissen beruht. Wenn die Umwelt sich dann verändert, haben die Landwirte keine Chance, sich selbst zu erklären, weshalb dies geschieht.

Meines Erachtens könnte dies in Zukunft zu einer weiteren gesellschaftlichen Krise führen. Dann nämlich, wenn diese Bevölkerungsgruppen irgendwann das Verständnis darüber erlangen, dass es diese große globale Ungerechtigkeit gibt und sie von der Globalisierung nicht besonders profitiert haben, sondern im Gegenteil nun auch noch die Rechnung für diese Entwicklung und die daraus entstehenden Klimafolgen mit ihrem Leben oder dem Leben ihrer Kinder zahlen müssen. Ich denke, dass das Potenzial dieser großen Ungerechtigkeit und die Konsequenzen, die diese Frage für den Zusammenhalt der Weltgesellschaft bedeutet, unterschätzt werden.

LFV-Krisen: In einer vorherigen Ausgabe der Crisis Interviews warnte Frau Prof. Deitelhoff vor einem Abnutzungseffekt des Krisenbegriffes, je öfter man ihn verwendet. Sehen Sie diese Gefahr auch für die zurzeit in den Medien benannte „Klimakrise“ und dadurch auch für Ihre Arbeit bezüglich klimafolgenbezogener Konfliktursachen?

Vinke: Der Begriff „Klimakrise“ ist in jeder Hinsicht angebracht, denn die Schäden, die wir gegenwärtig verursachen, können das Erdsystem auf tausende von Jahren verändern. Für das Ausmaß dieser Veränderung des Weltklimas gibt es keinen Vergleichsfall in der Geschichte der menschlichen Zivilisation. Da wir den Prozess, aktiv zu werden, immer weiter verzögert haben, sind wir an einem Punkt angelangt, der uns zum Handeln zwingt, damit das Schlimmste noch abgewendet werden kann.

LFV-Krisen: Haben Sie den Eindruck, dass sich das Aktivierungspotenzial durch die ständige Verwendung des Krisenbegriffes verringert?

Vinke: Das Aktivierungspotential hat bereits globale Ausmaße erreicht und wird durch die Verwendung des Begriffs „Klimakrise“ nicht geschmälert. Dieser Begriff beschreibt die Dimension des bestehenden Problems. Wenn es um politisches Handeln geht, sehe ich eher die Gefahr, dass weiterhin viel zu wenig getan wird, trotz dessen, dass hunderttausende Menschen für den Klimaschutz auf die Straße gehen und durchgreifende Maßnahmen fordern. Wenn wir aktiv daran arbeiten, unsere Wirtschaft und unser gesellschaftliches System hin zu einem klimaverträglichen System transformieren, gibt es Hoffnung. Aber nur, wenn wir uns tatsächlich in den Modus begeben, diese Krise zu überwinden. Das sehe ich momentan noch nicht. Zwar hat sich einiges bewegt, aber bei weitem noch nicht genug, gemessen an der Herausforderung.

LFV-Krisen: Zuletzt noch eine Frage bezogen auf Ihre Arbeit im Beirat. Welchen Grundsatz sollten die politischen Entscheidungsträger bei der Krisenprävention stärker berücksichtigen?

Vinke: Prävention ist immer besser als Nachsorge. Es ist stets von Vorteil, in die Prävention von Krisen zu investieren, statt zu versuchen, diese später einzudämmen. Dies verdeutlichen viele Beispiele, in denen eine Krise außer Kontrolle geraten ist. Dieser Grundsatz gilt auch für Klimakrise. Bereits vor 20 Jahren wurde der Ressourcenverbrauch öffentlich diskutiert. Was hätte in diesen beiden Jahrzehnten  schon alles erreicht werden können. Ein schrittweiser Ausstieg aus der Kohle, Gas und Öl hätte längst realisiert werden können. Nun sind wir in der Situation, schnell handeln zu müssen. Prävention sollte folglich der Leitfaden für unser innen- und außenpolitisches Engagement sein.

Außerdem finde ich es wichtig, lokal angepasste Konzepte zu entwickeln und die Menschen vor Ort miteinzubeziehen, sie also zu fragen, wie sie die Krise wahrnehmen und welche Maßnahmen sie zur Verhinderung von Krisen oder zur Überwindung von Interessenkonflikten vorschlagen.

Außerdem findet in diesem Zusammenhang die Rolle der Frauen nicht genügend Beachtung. Inzwischen gibt es eine stärkere Sensibilität für die besondere Stellung von Frauen als Opfer in Konflikten und Krisen. Bislang wird jedoch noch zu wenig beachtet, welchen Beitrag Frauen als Mediatoren leisten können, welche Rolle sie im gesellschaftlichen Gefüge einnehmen und wie man sie in dieser Rolle stärken kann, um zukünftige Konflikte zu entschärfen. Das ist ein Aspekt, den ich für relevant erachte und der in Zukunft mehr in den Fokus rücken sollte.

LFV-Krisen: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Thomas Siurkus

Kontakt
Dr. Kira Vinke
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
vinke@pik-potsdam.de
Zur Person

Dr. Kira Vinke ist Projektleiterin am Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) des EPICC Projekts (East Africa Peru India Climate Capacities), einem interdisziplinären Projekt der Wissensproduktion über regionale Wasser- und Klimasysteme und deren Wechselwirkungen mit agraren Lebensgrundlagen, menschlicher Migration und Sicherheit. Seit 2018 ist sie Ko-Vorsitzende des Beirats Zivile Krisenprävention und Friedensförderung der Bundesregierung.